
Im August 1986 kommen Forschende zu dem Schluss: Ein Ausstieg aus der Atomkraft wäre zeitnah möglich. Foto: IÖW
Am 26. April 1986 explodierte der Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Die Katastrophe markierte einen Wendepunkt in der deutschen und internationalen Atomdebatte. Nur wenige Monate später, im August 1986, legten das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und das Öko-Institut ein Gutachten vor, das systematisch die Möglichkeiten eines Ausstiegs aus der Kernenergie untersuchte. 40 Jahre danach fragen wir unsere ehemaligen IÖW-Kolleg*innen Prof. Dr. Martin Jänicke, Prof. Dr. Sabine Spelthahn und PD Dr. Lutz Mez: Was bedeutet dieses Gutachten heute?
Wann habt Ihr von Tschernobyl erfahren und was hat die Katastrophe für Euch verändert?
Martin Jänicke: Das war für mich ein Schockerlebnis, zumal es ja in Deutschland radioaktive Niederschläge von dem Unfall gab. Es war aber auch klar, dass die Atomfrage dadurch eine neue Dimension erhielt.
Sabine Spelthahn: Ich war zum Zeitpunkt der Katastrophe in Berlin und habe zuerst erfahren, dass in Schweden Radioaktivität gemessen worden ist. Die Mannschaft eines Kernkraftwerks hatte Alarm bekommen, dass Radioaktivität festgestellt wurde. Sie gingen davon aus, dass es von ihrem Kraftwerk stammt und stellten dann fest, dass es von außerhalb kam. Die Wolke in Berlin kam etwas später an und zum Glück regnete es nicht. Ich habe wie alle kein Obst, keinen Salat und keine Milchprodukte mehr gegessen.
Lutz Mez: Ich hörte am 28. April abends im Autoradio, dass in dem schwedischen Atomkraftwerk Forsmark erhöhte Strahlung gemessen wurde, aber dass man dort keinen Störfall finden konnte. Am nächsten Morgen wachte ich auf und hörte im Radio ein Interview mit Prof. Jens Scheer, der erklärte, wieso es in Druckröhren-Reaktoren, die es in der UdSSR gab, große Störfälle geben kann. Nach dem Frühstück fuhr ich in die Freie Universität nach Dahlem und wurde bereits von Fernsehteams erwartet, die von mir ein Statement zu dem havarierten Reaktor in der Ukraine haben wollten.
Wäre ein Ausstieg aus der Atomkraft schon in den 1980er Jahren realistisch gewesen?
Lutz Mez: Ja, ein kurzfristiger Ausstieg aus der Kernenergie wäre schon Mitte 1987 technisch machbar gewesen. Die Vereinbarung von 1990, die den Ausstieg bis Ende 2022 festlegte, wurde jedoch von den Betreibern der Atomkraftwerke (AKW) verzögert umgesetzt. Die schwarz-gelbe Koalition hat 2010 den Atomausstieg dann aufgeweicht. Nach der Katastrophe in Fukushima 2011 wurden schließlich die acht ältesten AKW sofort abgeschaltet und für die anderen Reaktoren der schrittweise Ausstieg bis Ende 2022 im Atomgesetz verankert.
Sabine Spelthahn: Die Lobby für die Atomkraft war noch sehr stark, als wir das Gutachten veröffentlichten. Es hat die zweite Katastrophe von Fukushima gebraucht, um die Meinung in der Bevölkerung und in der Politik zu ändern.
Wie kam es zu dem Gutachten und wie waren die Reaktionen nach der Veröffentlichung?
Martin Jänicke: Die Vergabe des Gutachtens war eine schnelle Reaktion der Bundesregierung auf Tschernobyl. Es ging um die Frage, die damals viele stellten: Kann man aus der Kernenergie aussteigen, möglicherweise kurzfristig? Wir hatten nur wenige Monate Zeit, die Frist war Ende August 1986. Ich erinnere mich, wie ich mit dem ausgedruckten Gutachten in Freiburg in den Zug gestiegen bin, um es in Bonn rechtzeitig abzuliefern. Als wir die Studie veröffentlicht haben, habe ich den Tipp bekommen, dass das etablierte Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) sein Ausstiegsgutachten auf der Bundespressekonferenz vorstellen würde. Wir haben uns drangehängt und sind ebenfalls dort mit unserem Gutachten aufgetreten. Die großen Zeitungen der Bundesrepublik – FAZ, WELT, BILD, Süddeutsche Zeitung – brachten das dann als Aufmacher.
Lutz Mez: Das Thema Atomausstieg war eine Woche lang auf den Titelseiten der Tagespresse. In allen politischen Parteien gab es aber schon vorher Atomgegner, nicht nur bei den Grünen. Die Atomkritiker bekamen jetzt Gehör und sogar in den Gewerkschaften wurden Beschlüsse vorbereitet, die den Atomausstieg in Deutschland forderten.
Wie beobachtet Ihr die momentane Debatte um den Wiedereinstieg in die Atomkraft?
Martin Jänicke: Wenn die Kosten nicht wesentlich niedriger und die Bauzeiten nicht wesentlich kürzer sind als bei den Erneuerbaren, sehe ich keine große Zukunft. In Autokratien wie China und Russland sieht das allerdings etwas anders aus. Die wiedererwachte Atomdiskussion weltweit lebt von der Verdrängung der ungelösten Entsorgungsfrage. Ähnlich wie der neue Fossilismus von der Verdrängung des Klimathemas lebt.
Lutz Mez: Solange es Atomwaffen gibt, wird die Pro-Atom-Lobby immer wieder versuchen, die angeblichen Vorteile der zivilen Atomkraft in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Denn die militärische und die zivile Nutzung der Kernenergie sind siamesische Zwillinge – untrennbar miteinander verbunden. Die Nachteile der Atomkraft werden dabei verschwiegen und etwa Reaktortypen wie die Small Modular Reactors (SMR) angepriesen. Von den SMR gibt es bisher lediglich Pläne – in Russland werden seit 2019 aber zwei 35-Megawatt-Schiffsreaktoren als SMR betrieben. In China soll 2026 ein 100-Megawatt-AKW in Betrieb gehen.
Sabine Spelthahn: Ich bin entsetzt, dass sowohl weltweit als auch in Deutschland ein Wiedereinstieg in die Atomkraft diskutiert wird. Die Idee, Energie aus der Kernfusion zu gewinnen, halte ich für völlig kontraproduktiv. Abgesehen davon wird auch bei der Kernfusion Radioaktivität freigesetzt. Erneuerbare Energie ist zudem in jedem Fall kostengünstiger als Energie aus der Kernfusion.
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Über das Gutachten
Das Gutachten „Qualitative und soweit möglich quantitative Abschätzung der kurz- und langfristigen Wirkungen eines Ausstiegs aus der Kernenergie“ im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft untersuchte die kurz- und langfristigen Folgen eines Ausstiegs der Bundesrepublik Deutschland aus der Kernenergie. Anlass war die Atomkatastrophe von Tschernobyl, die der energiepolitischen Debatte neue Dringlichkeit verlieh. Die Gutachter*innen kommen zu dem Ergebnis, dass ein kurzfristiger Ausstieg innerhalb eines Jahres technisch machbar ist. Bestehende Überkapazitäten im Stromnetz würden ausreichende Reserven gewährleisten. Problematischer erweist sich kurzfristig der Anstieg von Stickoxid- und CO₂-Emissionen durch den erhöhten Einsatz fossiler Kraftwerke. Die volkswirtschaftlichen Mehrkosten werden als tragbar eingeschätzt, da die meisten vorliegenden Berechnungen auf überhöhten Annahmen beruhen – etwa hinsichtlich Nutzungsdauer und Entsorgungskosten der Kernkraftwerke. Der mittelfristige Ausstieg bis Anfang der 1990er Jahre erscheint technisch noch unproblematischer.
Über die Autor*innen der Studie
IÖW-Mitgründer Prof. Dr. Martin Jänicke war Hauptverantwortlicher der Studie. Von 1986 bis 2007 leitete der national und international gefragte Politikberater die Forschungsstelle für Umweltpolitik an der Freien Universität Berlin, die dieses Jahr – nun unter dem Titel Forschungszentrum für Nachhaltigkeit – sein 40-jähriges Bestehen feiert.
PD Dr. Lutz Mez war federführender Autor von Kapitel III „Kraftwerkstruktur und Umweltbelastung“ und Autor vom Anhang 2 „Vorrang bei Kernenergie oder Braunkohle? Veränderungen bei Kraftwerkstruktur und Gesamtstromaufkommen des RWE“. Der Experte für Atomkraft befasst sich seit 1974 mit Umwelt- und Energiepolitik im internationalen Vergleich. Er ist Mitbegründer der Forschungsstelle für Umweltpolitik, deren Geschäftsführer er bis April 2010 war. Ihm wurde 2016 das Bundesverdienstkreuz für seine Leistungen im Bereich Energiewende und bei der Entwicklung einer nachhaltigen Energiepolitik verliehen.
Prof. Dr. Sabine Spelthahn war Ko-Autorin von Kapitel II „Der Ausstieg aus der Atomenergie im Lichte aktueller Szenarios und Stellungnahmen“ und vom Anhang 1 (Zusammenfassungen der Studien, die als Sekundäranalyse diente). Sie war zuletzt als Professorin in den Fachgebieten Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement, Rhetorik, Konfliktmanagement und Mediation an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin tätig, wo sie heute noch als Dozentin lehrt.
Weitere Studienautor*innen waren Frank Springmann, Antje Theißen und Dr.Otto Ullrich vom IÖW sowie Jürgen Leuchtner und Dieter Seifried vom Öko-Institut.