Bürger*innen wirken an der Energiewende aktiv mit – von der eigenen Solaranlage bis hin zur Energiegenossenschaft, die Windräder baut. Bei der Bürgerenergie geht es aber nicht nur um die Produktion von Strom, sondern auch um Modelle, ihn gemeinschaftlich zu verbrauchen, etwa per Mieterstrom oder Energy Sharing. Wie solche Gemeinschaften im Spannungsfeld von Markt und Mitbestimmung agieren, beleuchtet die aktuelle Ausgabe von „Ökologisches Wirtschaften“. Wo die Bürgerenergie heute steht und welches Potenzial sie trotz der aktuell schwierigen Rahmenbedingungen hat, fragen Jan Wiesenthal, Astrid Aretz, Malte Zieher und Lydia Takit in der Einleitung zum Schwerpunkt.
Energiegenossenschaften stärken die regionale Wirtschaft
Mehr Tempo und Finanzierungsquellen beim Ausbau der Erneuerbaren, mehr Netzstabilität, lokale Einnahmen und eine stärkere Akzeptanz vor Ort – das sind wichtige Vorteile der Bürgerenergie. Besonders in Strukturwandelregionen, die ihre Wirtschaft neu aufstellen müssen, ist Bürgerenergie interessant. Das zeigen Sina Diersch, Steven Salecki, Detlef Sack und Jörg Radtke am Beispiel des Rheinischen Reviers und der Lausitz. Energiegenossenschaften in alten Kohleregionen könnten dazu beitragen, einen signifikanten Anteil verschiedener Wertschöpfungseffekte, vor allem der Betreibergewinne, vor Ort zu halten und damit regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken.
Hinkt die Bundespolitik hinterher?
Trotz einiger gesetzlicher Fortschritte der letzten Jahre bleiben weiterhin Lücken im regulatorischen Rahmen. Nun ist es an der Bundesregierung, sich klar zur Bürgerenergie zu bekennen – etwa durch eine Verankerung in den energiepolitischen Zielen, so Jan Wiesenthal, Astrid Aretz, Malte Zieher und Lydia Takit im Beitrag „Bürgerenergie – Status quo et quo vadis?“.
Die EU gibt die Messlatte vor und stellt die Bürger*innen in den Mittelpunkt der Energieversorgung. Eine Vorgabe ist etwa, dass in jedem Ort mit mehr als 10.000 Einwohner*innen mindestens eine Energiegemeinschaft entstehen soll. Und auch von unseren europäischen Nachbarn können wir lernen: Laut Roland Kuras und Julian Binz ist der bisherige Erfolg von Energiegemeinschaften in Österreich maßgeblich auf die staatliche Unterstützung zurückzuführen. Wichtigster Punkt hierbei sei die Gründung einer Koordinationsstelle, die Informationen, Musterverträge und Hilfe bei Gründung, Beitritt und Betrieb bereitstellt.
Auch beim Strommarktdesign gehen andere Länder voraus. Regionale Preissignale können ein netzdienliches Verhalten fördern, argumentieren Steven Salecki und Bernd Hirschl im Beitrag „Regionalisierung als Chance für mehr Effizienz, Akzeptanz und Resilienz im Stromsystem“. In Skandinavien und Italien sind Gebotszonenteilungen gängige Praxis, Spanien experimentiert mit zeitvariablen Netzentgelten und Frankreich nutzt eine zentrale Koordination zur Steuerung regionaler Märkte. Deutschland setzt jedoch nach wie vor auf eine einheitliche, nationale Preiszone.
Fehlende Bekanntheit und Diversität
Energiegenossenschaften haben großes Potenzial für eine partizipative Energiewende. Doch nur wenn das Modell in der Bevölkerung bekannt und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen attraktiv ist, können Energiegenossenschaften dieses Potenzial ausschöpfen, so Melanie Vogel und Marcel Schwalbach im Beitrag „Energiegenossenschaften zwischen Potenzial und Realität“. Eine repräsentative Umfrage ergab 2024, dass nur 22 Prozent der Befragten in Deutschland wissen, was Energiegenossenschaften sind. Zudem sind Frauen in diesen Genossenschaften unterrepräsentiert. Der Beitrag stellt Eintrittshürden und sieben Lösungsansätze vor.
Außerdem in diesem Heft: Wirtschaftspolitik der neuen Bundesregierung, Konflikte um Raumnutzung
David J. Petersen diskutiert gemeinsam mit Economists for Future die Wirtschafts- und Klimapolitik der neuen Bundesregierung. In seinem Beitrag „Wirtschaftswende zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ zeigt er, wie groß die Diskrepanz zwischen den politischen Versprechen und der tatsächlichen Umsetzung weiterhin ist.
Neue Windparks, industrielle Großprojekte, die Ausweisung von Naturschutzgebieten oder der Bau von Radwegen: Über eine gerechte Verteilung des Raums wird oft heftig diskutiert. Meike Fienitz und Thomas Weith öffnen in der Rubrik „Neue Konzepte“ eine neue Perspektive auf die Verknüpfung von raumbezogenen Konflikten und Gerechtigkeitsfragen.
Leseproben:
► Zur Online-Ausgabe von Ökologisches Wirtschaften 4/2025
Neu zum freien Download: Klimaanpassung als integratives Handlungsfeld
Wetterextreme wie Hitzerekorde und Hochwasser treten immer häufiger auf. Die Zeit für Anpassungsmaßnahmen drängt. Seit Juli 2024 gilt in Deutschland das neue Klimaanpassungsgesetz, sodass sich Kommunen regionalspezifisch an die Klimakrise anpassen müssen. Diese Ausgabe „Ökologisches Wirtschaften“ fragt, wie diese Anpassung aussehen sollte – von der notwendigen Reichweite und Geschwindigkeit der Maßnahmen über angemessene politische Verfahren bis hin zur Finanzierung und technischen Umsetzung.