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Diesen Spiegel hält die Pandemie uns vor: Unsere Gesellschaft muss resilienter werden

Das Corona-Virus traf uns unvorbereitet und offenbarte weithin sichtbar die Schwächen unserer Gesellschaft. Und auch nach der Pandemie birgt die Zukunft neue Bedrohungen. Um mit unerwarteten Störereignissen besser fertigzuwerden, empfehlen Wissenschaftler*innen des IÖW eine Blickwende: Weg von der Fixierung auf das einzelne auslösende Ereignis hin zu den kritischen Stellen unseres Systems. „Gerade Leistungen auf die wir unbedingt angewiesen sind, etwa die Versorgung mit medizinischen Produkten oder Energie, müssen resilient gegenüber unerwarteten Ereignissen werden“, fordern die Nachhaltigkeitswissenschaftler*innen um IÖW-Ökonom Ulrich Petschow. „Überraschungen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern werden zur Regel.“ Hierauf muss sich unsere Gesellschaft systemisch einstellen, so die Studie „Corona und Nachhaltigkeit“, die mit Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) durchgeführt wurde.

Lieferengpässe seit der Corona-Pandemie führten zu Maskenknappheit und Schwierigkeiten in der Produktion und Beschaffung von Computer-Chips. Die globale Ungleichheit nahm und nimmt deutlich zu und nach einem kurzen Absenken der CO2-Emissionen durch das Herunterfahren der Wirtschaft im Winter 20/21, steigen die Emissionen stärker an als zuvor. Wie in einem Brennglas hat die Pandemie Fehlentwicklungen offengelegt; Fehlentwicklungen, die bereits vorher angelegt waren und die auch der ungesteuerten Globalisierung zuzuschreiben sind: ungleiche Verteilung zwischen Nord und Süd und innerhalb der Staaten, ein hochproblematischer Umgang mit Natur und Klima oder die Herausbildung auf Effizienz getrimmter, sehr fragiler Strukturen, wie am Beispiel der Lieferketten aufgezeigt werden kann. „Deutlich wurde, dass auf vielen Ebenen weitreichende Veränderungen notwendig waren und sind – auch unabhängig von der Corona-Krise“, heißt es in der Broschüre Corona und Nachhaltigkeit.

Umwelt, Wirtschaft und Corona gehen Hand in Hand

Die IÖW-Wissenschaftler*innen des Projektes "Corona und Nachhaltigkeit – Auf der Suche nach einer Balance zwischen Markt, Staat und Zivilgesellschaft für eine resiliente Gesellschaft" zeigen, wie abhängig unser System von einer funktionierenden globalen (Infra-)Struktur ist und wie wenig resilient die einzelnen Teilsysteme dadurch werden. Dabei spielen die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und globalisierter Wirtschaft die Hauptrolle.

Die Globalisierungsprozesse führen zur Herausbildung globaler Wertschöpfungsketten, die vor allem darauf abzielen Kostenvorteile zu erschließen und dabei auch massiv zu Landnutzungsänderungen beitragen, mit der Folge der Biodiversitätsgefährdung in wenig zugänglichen Gebieten. Der Kontakt zu Pathogenen nimmt zu, ebenso die Verbreitungsgeschwindigkeit durch die globale Vernetzung. Zugleich wirken die Treiber des Klimawandels ebenso biodiversitätsgefährdend.

Es handelt sich damit um eng miteinander verbundene und sich gegenseitig verstärkende Krisen, die letztlich eine gemeinsame Ursache haben: Die Externalisierung der Umweltkosten, die durch die globalisierten Märkte ermöglicht wird. Die Corona-Pandemie hat uns, ähnlich wie die Biodiversitäts- und Klimakrise, gezeigt, dass der eingeschlagene Entwicklungspfad nicht zukunftsfähig ist.

„Was es braucht, sind weitreichende, bewusst gestaltete strukturelle Maßnahmen, um sowohl die Gefahren des Klimawandels als auch die Wahrscheinlichkeit von weiteren Pandemien zu reduzieren.“ Es geht also nicht nur um den Erhalt der Biodiversität, sondern gleichzeitig um die Minderung von Stoffströmen und die Senkung der Treibhausgasemissionen. „Das wiederum erfordert tiefgreifende Veränderungen der Wirtschaft und Gesellschaft“, sagt Ulrich Petschow, Leiter des Projektes um Corona und Nachhaltigkeit.

Corona und Resilienz

Während der Corona-Pandemie verschoben sich die Blickwinkel, was in unserer Gesellschaft als systemrelevant gilt: Nun ist es die Care-Ökonomie, dazu zählen die Strukturen des Gesundheitssystems, aber auch wichtige Dienstleistungen des Alltags wie Lieferdienste oder der Einzelhandel. Deutlich wurde, wie wichtig diese Basisstrukturen für die Stabilität von Gesellschaften sind. Die medizinischen Infrastrukturen sind ein Beispiel dafür. Resilienz bedeutet auch hier das Vorhandensein von Puffern oder Redundanzen. Marktorientierte Lösungen, die auf kurzfristige Effizienz abzielen, sind in der Regel kein resilientes Fundament. Die Wissenschaftler*innen gehen in ihrer Broschüre u.a. darauf ein, was ein resilientes System ausmacht und unter welchen Kriterien Resilienz entstehen kann: Elementar ist es, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen resilient gestattet werden müssen. Das Leitbild von zellularen Systemen mit subsidiärer Steuerung kann als Orientierung dienen.

Lösungsvorschläge gibt es bereits: Von Alternativen Ökonomien über 3D-Druck zur 15-Minuten-Stadt

Doch welche resilienteren Strukturen kann unser Produktionssystem haben? Welche Potenziale für eine sozial-ökologische Transformation stecken in der Corona-Krise und was lässt sich aus Alternativen Ökonomien lernen?

Das Projekt zeigt, dass es bereits einige vielversprechende Ansätze für die Schaffung von resilienteren Strukturen gibt: „Anhand von mehreren Fallbeispielen – wie der 15-Minuten-Stadt, dem 3D-Druck, dem regionalen Handwerk und der solidarischen Landwirtschaft – konnten wir zeigen, dass dezentrale Technologien und kleinteilige, regionale, communitybasierte Wirtschaftsformen über Resilienzpotenziale verfügen: mit Blick auf die gesellschaftliche Einbettung des Wirtschaftens sowie nachhaltigere Formen des Wirtschaftens. Dieser Perspektivwechsel ist für die sozial-ökologische Transformation unabdingbar.“ Deshalb gilt es jetzt, Bottom-up-Prozesse, die auf eine sozial-ökologische Transformation zielen, zu stärken. Dazu braucht es Experimentierfreude, Mut zu Veränderungen und sicherlich auch Fehlerfreundlichkeit, empfehlen die Wissenschaftler*innen aus dem Projekt.

Im Rahmen des Projektes ist eine Broschüre entstanden, die sich an eine breite Öffentlichkeit richtet. Die Detailergebnisse können dem ausführlichen Forschungsbericht entnommen werden.

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