Gesundheit ist keine Privatangelegenheit. Das Wohl von Menschen, Tieren und Ökosystemen hängt untrennbar zusammen – und bestehende Konzepte wie Planetary Health, One Health oder EcoHealth zeigen, was das bedeutet. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe von „Ökologisches Wirtschaften“ stellt sie vor – mit ihren Potenzialen, aber auch ihren Widersprüchen. In der Einleitung betont Dr. Vivian Frick, Forscherin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), dass die Transformation im Nachhaltigkeits- und Gesundheitsbereich aus ähnlichen Gründen stockt: bestehende Machtverhältnisse, die Individualisierung von Verantwortung und die Polykrise, die langfristige und präventive politische Strategien in den Hintergrund drängt.
Wenn Strukturen ungleiche Gesundheitschancen schaffen
Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden sowie die Folgen des Klimawandels gefährden die Gesundheit. Solche Umweltbelastungen treffen benachteiligte Gruppen besonders stark, was der Beitrag „Umweltbewusstsein und gesundheitliche Chancengleichheit“ von Alexandra Karg et al. anhand der Zusammenhänge von Umweltproblemen, Gesundheit und Lebensqualität zeigt.
Strukturell verankerte Ungleichheit sollte daher als Kernfrage von Gesundheits- und Klimapolitik verstanden werden. Beispiel: Wie Machtstrukturen die Transformation des Mobilitätssystems blockieren, zeigen Karsten Valerius, Dr. Vivian Frick und Janna Leipold. Das autozentrierte Verkehrssystem verursacht gut dokumentierte ökologische, gesundheitliche und soziale Probleme. Eine echte Veränderung hin zu gesunder Mobilität werde jedoch verhindert – einerseits durch infrastrukturelle und ökonomische Pfadabhängigkeiten und andererseits durch machtvolle Diskurse, die die Risiken und Schäden des Autoverkehrs verharmlosen oder als unvermeidlich darstellen und die Verkehrswende auf technologische Innovationen reduzieren.
Neben der Veränderung von Machtverhältnissen geht es auch darum, innerhalb bestehender ökonomischer Strukturen anzusetzen: Maßnahmen wie Stadtgrün fördern Gesundheit und Umweltschutz – und dieser Wert lässt sich zum Beispiel anhand von vermiedenen Krankheitskosten und Schadenssummen berechnen. Tarin Karzai et al. stellen das Stadtgrün-Bewertungstool vor, das den Wert von Stadtgrün für Gesundheit und Umweltgerechtigkeit in Planungsprozessen sichtbarer macht.
Sektorübergreifende Bündnisse und Co-Benefits
„Forschung und Politik aus Gesundheit, Umwelt- und Klimaschutz müssen enger zusammenarbeiten, um die planetare Gesundheit zu stärken. Gerade in Krisenzeiten besteht die Gefahr, dass sozial-ökologische Interessen gegeneinander ausgespielt werden, obwohl es keinen Gesundheitsschutz ohne Umweltschutz gibt“, warnt Frick.
Sektoren- und akteursübergreifende Bündnisse sollten gemeinsame Interessen vertreten und fragmentierte Politik überwinden. Erste Ansätze zeigen sich in neuen Allianzen aus dem Gesundheitssektor, der Zivilgesellschaft sowie sozialen Organisationen, wie beispielhaft der Beitrag „One Health als Schlüssel zur Zukunft“ von Antje Risius und Gabriel Armas-Cardona zeigt. Ragnhild Sørensen betont in „Die lebenswerte Stadt ist möglich“ wiederum die Potenziale der Zusammenarbeit von Kommunen mit zivilgesellschaftlichen Initiativen. Solche Bündnisse eröffnen neue Wege, die ökologische Grenzen mit sozialer Gerechtigkeit verbinden und planetare Gesundheit politisch und gesellschaftlich anschlussfähig machen.
Es lohnt sich, gemeinsam für die Co-Benefits einzustehen: So wirkt sich Klimaschutz etwa positiv auf die psychische Gesundheit aus. Denn für sie ist ein intaktes Ökosystem von tragender Bedeutung, wie der Beitrag von Dr. Mira Tschorn et al. verdeutlicht.
Außerdem in diesem Heft: Wie die EU-Klimaziele erreichbar werden
In der Rubrik „Aktuelle Berichte“ analysiert Wendel Trio im Beitrag „Fit for 90“ die neuen klimapolitischen Zielsetzungen der EU bis 2040. Er diskutiert kritisch, ob die geplanten Emissionsreduktionen der globalen Verantwortung der EU wirklich gerecht werden und zeigt fünf notwendige Elemente zum Erreichen der Ziele auf: 1. eine langfristige Vision, 2. nationale Ziele, 3. eine Phase-out-Roadmap für fossile Energien, 4. einen sektorübergreifenden Policy Mix, 5. die Vorbereitung von Folgeinstrumenten für den Emissionshandel.
Und wie lässt sich die Umsetzung finanzieren, zum Beispiel in der Mobilitätswende? „Das Geld liegt auf der Straße“, schreibt Prof. Dr. Daniel Mühlleitner: Nachhaltige, bezahlbare Mobilität erfordert große öffentliche Investitionen. Der Autor rät, die induzierten Bodenwertsteigerungen abzuschöpfen, um eine sich selbst tragende Mobilitätswende zu ermöglichen.
Leseproben:
► Zur Online-Ausgabe von Ökologisches Wirtschaften 1/2026
Neu zum freien Download: Organisationsformen in Bewegung
Solidarische Landwirtschaften oder Sozialunternehmen sind Alternativen zu traditionellen Wirtschaftsstrukturen – sie legen Wert auf Solidarität, Kooperation, Demokratie und Gemeinschaft. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe zeigt, wo Impulse für eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft zu finden sind.
„Statt Zertifizierungssystemen, die Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, und statt neuen Rechtsformen für Unternehmen richten wir den Blick auf die weniger beachteten und teils noch weniger verbreiteten Konzepte, die sozial-ökologisch motivierte Akteure aus der Zivilgesellschaft zur Gestaltung alternativer Organisationsformen erproben“, so Dr. Christian Lautermann in der Einführung zum Schwerpunktthema.