Das vorliegende Gutachten des IÖW und des Öko-Instituts, erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft im August 1986, untersucht die kurz- und langfristigen Folgen eines Ausstiegs der Bundesrepublik Deutschland aus der Kernenergie. Anlass war die Atomkatastrophe von Tschernobyl, die der energiepolitischen Debatte neue Dringlichkeit verlieh.
Die Gutachter*innen kommen zu dem Ergebnis, dass ein kurzfristiger Ausstieg innerhalb eines Jahres technisch machbar ist. Bestehende Überkapazitäten im Stromnetz würden ausreichende Reserven gewährleisten. Problematischer erweist sich kurzfristig der Anstieg von Stickoxid- und CO₂-Emissionen durch den erhöhten Einsatz fossiler Kraftwerke. Die volkswirtschaftlichen Mehrkosten werden als tragbar eingeschätzt, da die meisten vorliegenden Berechnungen auf überhöhten Annahmen beruhen – etwa hinsichtlich Nutzungsdauer und Entsorgungskosten der Kernkraftwerke.
Der mittelfristige Ausstieg bis Anfang der 1990er Jahre erscheint technisch noch unproblematischer. Für das Szenario 1995 zeigen die Autor*innen, dass unter angepassten Rahmenbedingungen – stagnierender Stromverbrauch, verstärkte Kraft-Wärme-Kopplung und mehr regenerative Energieträger – selbst ein Anstieg der CO₂-Emissionen vermieden werden kann, während Schwefeldioxid- und Stickoxidemissionen gegenüber 1985 drastisch sinken würden. Unter Berücksichtigung möglicher Innovations- und Effizienzgewinne dürfte der mittelfristige Ausstieg per saldo sogar positivere wirtschaftliche Effekte aufweisen als die Fortführung des Atomprogramms.
Ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen hohem Kernenergieanteil und niedrigen Strompreisen lässt sich international nicht nachweisen. Die Studie betont das erhebliche Potenzial von Stromeinsparung, Kraft-Wärme-Kopplung und regenerativen Energieträgern als wirtschaftlich attraktive Alternativen. Ein zügiger Ausstieg wird gegenüber einem langfristigen bevorzugt, da er stärkere Innovationsimpulse auslöst und den Risiken der Atomenergie besser gerecht wird.